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Homines Über die performative Erforschung von Männlichkeit. Zur Preisverleihung des H13 Kunstpreises an Christian Falsnaes im Kunstraum Niederösterreich. von Johanna Schwanberg Ein junger Mann in Hemd und Krawatte sitzt monologisierend am Schreibtisch. Er redet unaufhörlich. Spricht von Metaphysik, von Mathematik – von sich un der Welt. „Wer bin ich?“ steht auf einem Notizblock gekritzelt. Zwei Männer kommen mit Ästen schlagend auf ihn zu, doch der „Denker“ lässt sich in seinen rationalen Ausführungen nicht beirren. Zehn Minuten später präsentiert sich derselbe Mann ganz anders. Verkleidet und maskiert mimt er einen Amerikanischen „Wrestler“ – die Kombination aus zartem Körper und machoartigem Outfit samt derben Sprüchen wirkt absurd. Am vorigen Donnerstag bekam die Kunstszene, die sich nach dem vernissagefreien Sommer Zahlreich in den Räumlichkeiten des Kunstraums Niederösterreich in der wiener Innenstadt versammelt hatte, eine gleichermaßen kurzweilige wie nachdenklich stimmende Vorführung geboten. Während der zwanzigminütigen Aufführung durchlief der junge Performancekünstler Christian Falsnaes die abendländische Geistesgeschichte und ging dabei männlichen Rollenbildern gehörig auf den Grund. Aktionistische Tradition Falsnaes war der diesjährige H 13 Kunstpreis zugesprochen worden. Der seit vorigem Jahr auf Initiative der NÖ-Kulturlandesrätin Petra Bohuslav ausgeschriebende, mit 2000 Euro dotierte Performancepreis, bei dem zusätzlich noch ein Budget zur Realisierung der Siegeraktion zur Verfügung gestellt wird, ist ein bemerkenswertes Ereignis, stellt er doch eine Wertschätzung für aktionshaftes Kunstschaffen dar, das in Österreich eine lange Tradition hat. Diese Tradition reicht von den happeningartigen „literarischen cabarets“ der Wiener Gruppe in den Jahren 1958/59 über die radikalen Körperaktionen der Wiener Aktionisten und die feministische Aktionskunst von VALIE EXPORT in den 1960er und –70er Jahren bis zu den vielfältigen performativen Ausdrucksformen zahlreicher Künstler/innen der Gegenwart wie Elke Krystufek oder Carola Dertnig Der Performancepreis 2008 und sein Preisträger stehen in Beziehung zu Ereignissen, die heuer Jubiläum feiern. Da ist das virzigjährige Jubiläum des Jahres 1968, das in Österreich nicht wie in Deutschlan aufgrund seiner Studentenproteste in die Geschichte einging, sondern aufgrund von aktionistische Protesten, allen voran der skandalumwitterten Veranstaltung „Kunst und revolution“ im Hörsaal 1 der Wiener Universität. Mit Christian Falsnaes, der 1980 in Kopenhagen geboren wurde und lange in Zürich lebte, bis es ihn schließlich nach Wien verschlug, hat sich der Jury für einen Künstler entschieden, dem es in seinen Arbeiten gelingt, die österreichische aktionistische Tradition mit Tendensen der internationalen Performance-szene zu verbinden. Eine internationale Szene, die vor dreißig Jahren Wien zehn Tage zum Zentrum des weltweiten Performance-geschenens werden ließ. Im Frühjahr 1978 kam es beim „Internationalen Performancefestival“ nicht nur zur Veranstaltung von bedeutenden Aktionen renommierter Künstlerinnen wie Abramovic/Ulay und Joan Jonas, sondern auch zu grundsätzlichen Diskussionen rund um den Performancebegriff, der hier erstmals einer genaueren Differenzierung unterzogen wurde. Dass Performance damals wie heute ein äußerst breites Feld von künstlerischen Live-Auftritten umfasst, spiegelten auch die Einreichungen für den H 13 Kunstpreis , die tanzartige Auftritte, Musikperformances, genauso aber auch textorientiert-literarische Aktionen vorschlugen. Der junge dänische Künstler der zunächst Philosophie studierte, später in der Graffiti-, Hausbesetzer- und Musik-Szene in Zürich zu Hause war, bis er zum Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien kam, fasziniert, da seine Auftritte auf subtile Weise daran arbeiten, die Barrieren zwischen Hochkultur und populärer Kultur, zwischen bildender Kunst und Film, zwischen Musik und Sprachkunst niederzureißen. Ironie und Übertreibung Falsnaes’ Aktion hat aber nicht nur aufgrund der Überlagerung von Live-Auftritten und vorproduzierten Videos sowie der Konfrontation von Begrifflichkeiten mit einer von der Populärkultur gespeisten Bildersprache interessiert, sondern auch aufgrund der Mischung aus philosophischer Ernsthaftigkeit und einem schwarz-slapstickartigen Humor. Verwandt mit dem kalifornischen Performancestar Paul McCarthy, den Falsnaes in seiner Performance selbst zitiert hat, erzielt er kritische Aussagen nicht wie in der Avantgarde durch Opposition oder Provokation. Vielmehr bergen seine Performances ein subversiv-kritisches Potential, indem sie mit mitteln der Ironie und Übertreibung, mitunter auch durch bewusste Ungekonntheit die Betrachter zum Schmunzeln bringen. Besonders spannend sind die thematischen Stränge, die Falsnaes in „Rational Animal“ angesprochen hat, indem er Männlichkeitsrollenbilder im Laufe der abendländischen Philosophie- und Kunst-geschichte bis zur heutigen Männer-präsentationen in Musikvideos auf die Schaufel nimmt. In fünf Stationen zeigt der Künstler die Brüchigkeit männlicher Identität und demaskiert unterschiedliche Extreme kultureller Männlichkeit. Mann denkt, also ist Mann Im ersten Teil der Performance ironisiert der Akademiestudent mit bezugnahme auf den Philosophen Rene Descartes den intellektuellen Mann, der über Jahrhunderte hindurch versucht hat, mittels analytisch-zergliedernden Denkens die Welt zu ergründen, während er im zweiten Teil durch Ausschnite aus Jean-Luc Godards Film-klassiker „Le Mepris“ sowie die aktionsartige gestische Wandbemalung dem traditionellen Künstlerbild als männliches Genie, das seiner Kunst und um des Erfolges Willen alles opfert, nachspürt. Von der bildenden Kunst und Filmszene wechselt Falsnaes schließlich in die Musikbranche, indem er das „Gitarrensolo“ des einsamen Musikers inmitten von Natur als klassischen Topos von Männlichkeit zur Sprache bringt – um im Anschluss daran zwei gegensätzliche Möglichkeiten sich in seiner Körperlichkeit der Öffentlichkeit zu präsentieren einander gegenüberzustellen: entweder als machoartigen „Wrestler“, der sich mit Männlichkeitsattribute maskiert, oder als androgynen Stripper, der sich in einer Bar enthüllt und somit die traditionelle Frauenrolle einnimmt. Die Performance endet mit der Darbietung des Michael Jackson Songs „Beat it“ – sowohl den Text als auch die Person Jackson betreffend, zwei weitere Anspielungen auf das Zerbröckeln von traditionellen Männlichkeitsbildern. Zugleich schlißst sich der Kreis zu Descartes und dem Beginn, indem Falsnaes mit dem auf eine Leinwand gepinselte Begriffspaar „ Gerechtfertiger Glaube“ eine Kompromisslösung zwischen den in der Performance angesprochenen begrifflichen Gegensatzpaaren – wahr oder falsch, vernunft- oder erosbestimmt – anbietet. Der Text basiert auf der Laudation der Autorin; sie gehörte gemeinsam mit VALIE EXPORT, Heiko Pfost u.a. der Jury an. |